kopf

DVM Dagmar Kriegler
VDSV Verbandstierarzt

Schlittenhundeimpfung
Impfen - Ja oder nein?
Warum - wie oft - wogegen?

Eine der wichtigsten Maßnahmen zur Verhinderung von Infektionskrankheiten ist die Impfung. Um dem Einzelhund einen bestmöglichen Schutz zu bieten, ist die vollständige Grundimmunisierung die wichtigste Voraussetzung. Die Bedeutung der Impfung hat angesichts der großen Mobilität der Tierhalter und ihrer Hunde sowie durch den ausgeprägten Reiseverkehr im Schlittenhundesport einen hohen Stellenwert als unverzichtbare prophylaktische Maßnahme.Die Impfung ist oft der einzig wirksame Schutz gegen mögliche Virusinfektionen. Auch schützt sie den Besitzer gegen mögliche Zoonosen (Erkrankungen, die vom Tier auf den Menschen übergehen).
Infektionskrankheiten können verschiedene Verursacher haben - Viren, Bakterien und Pilze. Viralbedingte Erkrankungen sind nicht bzw. nur schlecht zu behandeln. Bakterielle bzw. Pilzinfektionen haben einen wesentlichen höheren Behandlungserfolg. Als Virulenz (vom Lateinischen 'virulentes = giftig') wird das Maß der Fähigkeit eines pathogenen Erregers bezeichnet, eine Krankheit auszulösen. Werden viele Zellen eines krankmachenden Erregers benötigt, spricht man von leicht virulent, sind es wenige, wird der Erreger als hoch virulent bezeichnet.
Aus dem Vorausgesagten versteht es sich, dass je höher virulent das Virus ist, umso gefährlicher ist die ausgelöste Infektion. Demzufolge ist in diesen Fällen ein ausreichender Impfschutz von größter Wichtigkeit. Auch ein harmloser Virus vermag es im Falle einer Immunschwäche seines Wirtes oder durch Mutation, seinen Wirt zu töten.Während einer Schutzimpfung wird durch eine kontrollierte Verabreichung von Antigen (eine Substanz, durch die beim Eindringen in den Körper eine Immunreaktion ausgelöst wird) das körpereigene Immunsystem angeregt, eine Immunantwort darauf zu bilden. Durch diesen Prozess wird der Organismus auf eine mögliche Auseinandersetzung mit einem natürlichen Erreger vorbereitet. So vorbereitet, ist der Körper schneller in der Lage, auf eine natürliche Infektion zu reagieren. Im Ablauf wird der Virus aus dem Organismus entfernt, die Erregerausscheidung für die Umwelt verringert und mögliche klinische Symptome verhindert bzw. stark gemildert.
Der Ort der Impfung kann verschieden sein. Entweder es wird in ein Gewebe verabreicht, z. B. unter die Haut (subkutan) oder auf die Schleimhaut aufgetragen (nasale Impfung).
Wichtig für eine gezielte Immunreaktion ist, dass der Körper das verabreichte Impfantigen als Antigen erkennt. Unspezifische Körperabwehrstellen dürfen es nicht zu schnell erkennen und abbauen, denn sonst kann es nicht zu einer ausreichenden abwehrbildenden Wirkung kommen, was außerdem auch von der eingebrachten Menge Impfantigen abhängt.
Im weiteren Ablauf der Körperreaktion müssen die örtlichen Wächterstellen, wie Dendritische Zellen, das verabreichte Antigen aufnehmen und es in das nachfolgende lymphatische Gewebe transportieren. Das sind u.a. die Lymphknoten, die Milz und die Peyersche Plaques. In diesem Gewebe erfolgt dann die spezifische Immunantwort in Form der Bildung von Gedächtniszellen. Durch eine so genannte Booster-Impfung (Wiederholungsimpfung im entsprechenden Zeitraum) wird die Anzahl der Bildung von Gedächtniszellen entscheidend weitererhöht, was für die Ausbildung einer belastbaren Immunität eine wichtige Rolle spielt.
Außerdem wird durch eine zweite und jede weitere Impfung bzw. Immunisierung die Selektion der Zellen verstärkt, die Antikörper mit einer höheren Bindungsstärke bilden. Dadurch kommt es zu einem schnelleren und höheren Antikörperanstieg, einer gesteigerten Effektivität der Wiederholungsimpfungen und einem besseren Schutz des Hundes vor einer Infektion.
In den letzten Jahres ist allgemein intensiv über die Notwendigkeit von Impfungen von Hunden sowie über die Dauer der erzielten Immunität und dem damit verbunden Impfintervall diskutiert worden. Die viele Jahre in Deutschland bzw. Europa verbreitete Impfpraxis und die dadurch ermöglichte gute Kontrolle sowie geringe Zahl von Krankheitsfällen hat die Diskussion über die Notwendigkeit von Schutzimpfungen erst ermöglicht. Diese Seite wird von denen, die einer Impfung konträr gegenüber stehen, oft vergessen.
Prof. Dr. M. Horzinek vom Institut für Infektionskrankheiten und Immunologie der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Utrecht, Mitglied der ständigen Impfkommission und Vorsitzender der European Advisory Board on Cat Diseases (ABCD), erklärt es wie folgt: 'Die Impfung ist Opfer ihres eigenen Erfolges geworden'.
Solche Formulierungen tragen dazu bei, dass man als Hundehalter verunsichert ist. Um einen Wegweiser zu geben, hat die Ständige Impfkommission Vet (StIkoVet) 2006 die 'Deutsche Impfempfehlungen für die Kleintierpraxis' (siehe Kasten) veröffentlicht. Diese basieren auf den neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen und wurden im August 2009 nochmalig aktualisiert.
Die Leitlinien sind mit der Maßgabe entwickelt worden, die Zahl der Impfungen so klein wie möglich, aber so groß wie nötig zu halten. Es wird zwischen Pflichtimpfungen (Core-Vakzinen) und Wahlimpfungen (Non-Core-Vakzinen) unterschieden.
Pflichtimpfungen sind als absolutes 'Muss' zu verstehen, um die Hundepopulation vor verlustreichen Epidemien zu bewahren. Bei Wahlimpfungen entscheidet das jeweilige Infektionsrisiko basierend auf den Haltungs- und Umweltbedingungen des Einzelnen über die Notwendigkeit.
Prof. Dr. M. Horzinek empfiehlt eine Welpenimpfung in der 6. Lebenswoche nur, wenn ein sehr hoher Infektionsdruck besteht. In diesem Alter verfügen Welpen oft noch über maternale (= mütterliche) Antikörper, die sie mit der Muttermilch in den ersten Lebenstagen aufgenommen haben, welche dann bis zur 12. Woche vorhanden sein können und dann Impfantigen bilden und eine gute Immunantwort verhindern.
Durch die zeitliche Verschiebung der Impfschemas werden alle Hunde zur Antikörperbildung angeregt und die Gefahr, die Immunreaktion durch die Abbindung des Impfantigens durch mütterliche Antikörper zuzulassen, wird minimiert.
Es bestünde die Möglichkeit, die Antikörpertiter gegen zu impfende Infektionskrankheiten in der 14. Woche zu bestimmen. Dies ist jedoch erheblich teurer als eine dritte Impfung.
Schon seit langem wird über längere Impfabstände als ein Jahr diskutiert. Bei den wissenschaftlichen Untersuchungen zu den Antikörper-Titern ermittelte man, dass die Länge der notwendigen Titerausbildung von Erreger zu Erreger variiert. Titer mit einer langanhaltenden Dauer wurden bei Tollwut und Parvovirose (bei guter Grundimmunisierung) nachgewiesen. Andererseits blieben die Staupetiter weniger lange hoch und am niedrigsten oder kürzesten waren die Titer der bakteriellen Impfungen wie Leptospirose und Borreliose.
Aber nicht nur beim Erreger sondern auch bei den einzelnen Hunden, gibt es große Unterschiede. Eine positive Immunantwort im Hund ist abhängig von der Art des Impfstoffes sowie vielen anderen Faktoren (persönliche Unterschiede, schlechtes Allgemeinbefinden, Stress, Ernährungssituation, bestehende Erkrankungen und unentdeckte Mangelzustände, Parasiten, Immundefizienten, Interferenz der maternalen Antikörper, immun-suppressive Medikamente).
Ein besonders wichtiger Faktor für die Festlegung der zeitlichen Abstände der Wiederholungsimpfung aus tierärztlicher Sicht ist der Infektionsdruck. Besteht in der Umgebung des Hundes ein hohes Infektionsrisiko, erscheint es nur sinnbringend, kürzere Impfintervalle zu wählen. Ebenso wichtig ist die allgemeine epizootiologische Situation (Keimumfeld der Umgebung).
Wie immer, wenn es um biologische Einzelheiten geht, gibt es bei der Wirksamkeit von Impfungen keinen 100 %igen Schutz. Wird eine ungeimpfte Population immunisiert, kann man abhängig vom Antigen mit einem Impfschutz von etwa 70 - 80 % rechnen. Liegt ein großer Infektionsdruck vor, kann die Immunität der Hunde bei 20 - 40 % durchbrochen werden.
In Ausnahmefällen kann die Erfolgsquote einer Impfung bis unter die 50 Prozentmarke fallen, die auch durch so genannte Nichtreagenten beeinflusst wird. Dies sind Hunde, die nicht oder nur unzureichend auf eine Immunisierung reagieren. Durch die Wiederholung der Impfung lässt sich der Prozentsatz der Nichtreagenten mindern.
Bereits im 18. Jahrhundert waren Impfungen das Mittel der Wahl zum Schutz gegen Infektionskrankheiten. Richtig ist aber auch, dass Impfungen nicht nur Vorteile bringen, sondern auch Risiken und Nebenwirkungen beinhalten können. Es gibt keinen 100%ig risikofreien Impfstoff. Trotzdem ist der Nutzen einer Impfung ohne Zweifel wesentlich höher als ein mögliches Risiko. Einem gesunden Hund ist die Antwort des Körpers auf die Verabreichung des Impfstoffes normalerweise nicht anzumerken.
Komplikationen können auftreten, wenn die Impfung in die Phase einer Inkubationszeit (Infektion ist erfolgt, Krankheit ist noch nicht klinisch ausgebrochen.) verabreicht wird. Dabei scheint die Verbindung Ursache-Wirkung für den Besitzer offensichtlich, denn der Hund war scheinbar gesund. Deswegen setzt jede Impfung eine gründliche Allgemeinuntersuchung des Hundes voraus.
Als Nebenwirkungen können auftreten: allergische Reaktion mit Zittern, Schwellungen im Kopfbereich, Mattheit mit Blutdruckabfall sowie Erbrechen. Aber sie werden beim Hund äußerst selten beobachtet.
Aus allem Vorausgesagten lässt sich feststellen, dass sich ein für alle Hunde feststehendes, optimales Impfschema nur schwer erstellen lässt. Mehrere Möglichkeiten sind vorhanden:
1. Eine jährliche Nachimpfung, wie in den letzten Jahren, bringt den Vorteil der jährlichen Allgemeinuntersuchung und 95% aller Hunde einen guten Schutz. Da bei ca. 5% der Hundepopulation das Immunsystem nicht ausreichend reagiert, bleiben diese nicht gut geschützt.
2. Verlängerung der Wiederholungsintervalle auf alle 2-3 Jahre bei Tollwut, Staupe und Parvovirose mit einem entsprechend dafür zugelassenen Impfstoff reicht aus, wenn der Infektionsdruck nicht zu hoch ist und führt bei einem Großteil der Hunde zu ausreichendem Schutz.
Trotz der hohen Impfdichten in der Hundepopulation in Mitteleuropa kommt es immer wieder zum Aufflackern verschiedener Virus- bzw. bakterieller Infektionskrankheiten. Impfgegner sehen das oft als Argument der Tierärzte, für die Impfung zu votieren. Bei Studien der aktuellen Seuchensituation aus dem Jahr 2010 finden sich zahlreiche Hinweise für seuchenhafte Geschehen in den Wildtier- und auch Hundepopulationen. Aufgrund massiver Seuchenzüge in verschiedenen Fuchspopulationen im Raum Konstanz und der angrenzenden Schweiz mahnt der BPT (Bundesverband Praktizierender Tierärzte) eine Überprüfung der Impfdaten der Hunde an (März 2010). Ein ähnliches Geschehen trat im Landkreis Lüneburg auf sowie in der Waschbärenpopulation in Mecklenburg-Vorpommern und 2007 in Brandenburg. Bei acht verendet aufgefundenen Tieren wurde die Staupe als Todesursache nachgewiesen.
In einer Pressemitteilung vom 24. Juni 2010 warnt das Veterinäramt Verden vor Staupeerkrankungen. Die Staupe des Hundes kann bei Fuchs, Wolf, Marderhund, Dachs, Baum- und Steinmarder, Iltis, Wiesel, Fischotter, Luchs, Robben, Waschbären und Bären auftreten.
Wegen der aufgetretenen Infektionen bei Füchsen und Dachsen wurde vom Zentrum für Fisch- und Wildtiermedizin im Jahre 2009 extra ein Merkblatt zur Staupeerkrankung herausgegeben. Ähnliche Hinweise gibt es zu Leptospiroseerkrankungen, die vereinzelt immer wieder aufflackern und als Zoonose für den Menschen eine Infektionsquelle darstellt. Laut Aussage des Bio-MagazinÕs erkranken jährlich etwa 40-50 Menschen durch diesen Erreger, wobei nicht ausgesagt ist, ob die Infektion den Hund als alleinigen Zwischenträger sieht.

Was ist das Fazit aus all dem Geschriebenen:

  1. Der Hundebesitzer hat eine hohe Mitverantwortung bei der Entscheidung zu einem bestimmten Impfrhythmus.
  2. Die Europäischen Festlegungen sind inzwischen so, dass die empfohlenen Zeiträume auch tierärztlicherseits bei den Rennen anerkannt werden (in Abhängigkeit von Impfstoff und der Dokumentation im Ausweis)
  3. Viele Tierärzte haben keine genauen Kenntnisse von den Örtlichkeiten der Musher, dem Trainingsbetrieb, dem Trainingsareal, dem Rennbetrieb mit hohem Stressfaktor für die Hunde.

Außerdem stellen stark frequentierte Trainingslager mit ständig wechselnden Hundepopulationen aus verschiedenen Ländern einen hohen Infektionsdruck dar. Zusätzliche körperliche Erschöpfung bei längeren Rennen führt nicht nur dazu, dass der Musher infektanfälliger wird, sondern auch seine Hunde. Das auch trotz oft hochgepowerter Fütterung und allen möglichen nötigen oder unnötigen Futterzusätzen. Die Trainingsgebiete für Schlittenhunde liegen bekannterweise nicht auf dem Sportplatz, sondern in Waldregionen, so dass Kontakte zu Wildtieren oder ihren Ausscheidungen in einem viel höheren Maß als für den normalen Hund möglich sind.
Ich kann niemanden vorschreiben, wie er zukünftig mit der Impfung seines/seiner Hundes/Hunde verfährt. Jeder ist aufgefordert, seine speziellen Möglichkeiten zu durchdenken und im Sinne der Gesunderhaltung des Tieres abzuwägen.
Aus fast 24 Jahren Schlittenhundehaltung kann ich für uns selber sagen, dass ich bisher keine negativen Folgen einer jährlich durchgeführten Impfung bei gesunden Hunden gesehen habe, die vor der Impfung turnusmäßig parasitenbehandelt worden.
Aus den genannten Gründen des hohen Infektionsdruckes bei Schlittenhunden wäre meine Empfehlung die Beibehaltung des jährlichen Impfzyklusses, auch wenn es der allgemeinen Aussage widerspricht und kein rechtliches Maß ist.
DVM Dagmar Kriegler
Verbandstierärztin des VDSV

Impfempfehlung
der Ständigen Impfkommission Vet. für Hunde

Gegen diese Infektionen sollten Hunde immer geschützt sein:
Ansteckende Leberentzündung (HCC), Leptospirose, Parvovirose, Staupe, Tollwut

Grundimmunisierung
(Als Grundimmunisierungen von Welpen gelten alle Impfungen in den ersten beiden Lebensjahren1)
Im Alter von
      8 Lebenswochen: HCC, Leptospirose, Parvovirose*), Staupe
    12 Lebenswochen: HCC, Leptospirose, Parvovirose, Staupe, Tollwut
    16 Lebenswochen: HCC, Parvovirose, Staupe, Tollwut **)
    15 Lebensmonaten: HCC, Leptospirose, Parvovirose, Staupe, Tollwut

In einem höheren Alter vorgestellte Tiere erhalten ihre Impfungen in denselben Abständen. Ab einem Alter von 12 Lebenswochen ist eine zweimalige Impfung im Abstand von 3-4 Wochen, gefolgt von einer weiteren Impfung nach 1 Jahr, für eine erfolgreiche Grundimmunisierung ausreichend.

Wiederholungsimpfungen
Wiederholungsimpfungen sind alle Impfungen, die nach abgeschlossener Grundimmunisierung erfolgen.

Tollwut:
In Deutschland gelten seit Änderung der Tollwutverordnung vom 20.12.2005 die in den Packungsbeilagen der Impfstoffe genannten Wiederholungsimpftermine.

Staupe, HCC, Parvovirose:
Wiederholungsimpfungen ab dem 2. Lebensjahr in dreijährigem Rhythmus sind nach derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnissen ausreichend.

Leptospirose:
Jährliche Wiederholungsimpfungen (in Endemiegebieten häufiger) sind zu empfehlen.
Impfungen gegen diese Infektionen empfiehlt der Tierarzt individuell - je nach Lebensumständen des Tieres und/oder aktueller Seuchenlage:

- Babesiose
- Borreliose
- Pilzinfektionen
- Zwingerhusten

*) In gefährdeten Beständen ist eine zusätzliche Impfung im Alter von 6 Wochen empfehlenswert. Die weitere Impfempfehlung wird dadurch nicht verändert.
**) Die im Alter von 16 Lebenswochen empfohlene 2. Impfung geht über die gesetzliche Anforderung hinaus, ist aber aus immunologischen Aspekten sinnvoll.
1 Definition im Sinne der Leitlinie für die Impfung von Kleintieren; weicht z. T. von der Produktliteratur ab.
Quelle: bpt Bundesverband praktizierender Tierärzte e.V.

 

DVM Dagmar Kriegler