|
| Dr. med. vet. Stefan Jahnecke |
Hoher Tollwut-Titer |
| Wissenswertes und praktische Hinweise
für den Hundehalter |
Seit einigen Jahren ist die Einreise von Hunden und Katzen nach Schweden und Norwegen auch ohne Quarantäne möglich. Hierzu muss allerdings u. a. ein TollwutTiter von 0,5 I. E./ml frühestens vier Monate nach der Impfung mit einem anerkannten Impfstoff gegen Tollwut nachgewiesen werden. Dafür entnimmt der Tierarzt eine Blutprobe, die an ein anerkanntes Labor zur Überprüfung auf Antikörper gegen Tollwut geschickt wird. Ein paar Wochen später erhält der Tierhalter die Laborbescheinigung von seinem Tierarzt - wenn alles gut geht. Denn die bisherigen Erfahrungen mit diesem System zeigen, dass der geforderte Wert von 0,5 1. E./ml außerordentlich hoch ist, und von einigen Hunden trotz fachgerecht ausgeführter Impfung mit einer geprüften und zugelassenen Vakzine nicht erreicht wird. Laut Auskunft des führenden Labors in Deutschland beträgt die Durchfallquote bei den eingesandten Blutproben zwischen 15 und 20%!. Dabei fallen besonders häufig Junghunde, die bis dahin nur eine Tollwutimpfung erhalten haben, durch.
Aber auch der Abstand zur durchgeführten Impfung spielt eine Rolle. Aus den Erfahrungen mit den Einreisebestimmungen für England (PETS) weiß man, dass sehr viele Hunde unmittelbar nach der Impfung zwar einen hohen Tollwut-Titer über 0,5 I. E./ml ausbilden, diesen jedoch nicht über einen längeren Zeitraum „halten können“. Da für die Einreise nach England im Gegensatz zu Skandinavien keine Wartezeit von 4 Monaten für die Blutentnahme erforderlich ist, kann der Tierarzt hier den Zeitpunkt der Blutentnahme frei wählen und dabei auf wissenschaftliche Erkenntnisse zur Tollwutimpfung zurückgreifen: er wird daher das für alle Hunde geltende optimale Intervall von ca. 30 Tagen nach durchgeführter Tollwutimpfung für die Blutentnahme wählen.
Und tatsächlich ist die dann noch verbleibende Durchfallquote unter den eingesandten Blutproben extrem gering. Das Argument der schwedischen Behörde, warum eine Blutprobe nicht früher als 120 Tage nach der Tollwutimpfung entnommen werden kann, ist, dass diese 120 Tage die Inkubationszeit (= Zeit von der Ansteckung bis zum Ausbruch der Krankheit) bei den meisten an Tollwut erkrankten Tieren abdecken. So soll verhindert werden, dass ein Hund nach Schweden eingeführt wird, der bereits an Tollwut erkrankt ist. Das System für England ist hier viel besser: nach stattgefundener Tollwutimpfung und ca. 30 Tage später (in der Regel) bestandenem Tollwut-Titer muss bis zum Reiseantritt noch ein halbes Jahr gewartet werden. Wenn der Hund in dieser Zeit keine Tollwutsymptome entwickelt, hat England in der Tat die Garantie, dass kein Tollwutfall in das Land eingeschleppt wird.
In extrem seltenen Fällen wird der Tollwut-Titer von 0,5 I. E./ml jedoch selbst bei Beachtung des oben genannten Intervalls und auch trotz mehrmaliger Injektion eines Tollwutimpfstoffes nicht erreicht. Dieses Phänomen, welches auch beim Menschen seit langem bekannt ist, ist ein individuelles Problem einzelner Hunde und darf nicht dem Impfstoff angelastet werden. Solche Individuen werden auch als „Non-Responder“ oder „Low-Responder“ bezeichnet, je nach dem, ob sie wirklich „Null“ Antikörper ausbilden, oder nur kaum messbare Mengen.Was aber ist dann überhaupt die Bedeutung des Tollwut-Titers? Der Titer ist nur ein Hilfsindikator für den Tollwutschutz, der - wenn er >0,5 IU/ml ist - immerhin einen relativ sicheren Schluss auf das Vorliegen eines Tollwutschutzes zulässt. Liegt er unter diesem Wert, sagt dies über den Schutz aber nichts aus. Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, in denen geimpfte Tiere, bei denen kein messbarer Titer vorhanden war, dennoch voll gegen eine experimentelle Infektion mit Tollwut geschützt waren. Entscheidend für den Tollwutschutz ist (u. a.) der Aufbau eines „immunologischen Gedächtnisses“ im Anschluss an die Tollwutschutzimpfung. Das „immunologische Gedächtnis“ ist auch noch vorhanden, selbst wenn der Titer 0,0 IU/ml beträgt. |
| Aus diesen Ausführungen können abschließend folgende Tipps im Zusammenhang mit dem Tollwut-Titer gegeben werden: |
| • |
Eine Reise nach Schweden sollte wegen der umfangreichen Bestimmungen möglichst 6 Monate inklusive notwendiger Impfungen im voraus geplant werden. |
| • |
Um einen möglichst hohen Titer zu erreichen, sollte die Tollwutimpfung bei Welpen und Junghunden zur „Grundimmunisierung“ zweimalig im Abstand von 3 bis 4 Wochen ab einem Alter von 3 bis 6 Monaten durchgeführt werden. |
| • |
Vor der Blutentnahme sollte eine Nachimpfung mit einem Tollwutimpfstoff erfolgen. |
| • |
Achten Sie unbedingt darauf, den Termin für die jährlichen Wiederholungsimpfungen einzuhalten, denn wenn Sie 1 Jahr und 45 Tage für die Wiederholungsimpfung gegen Tollwut überschritten haben, dann muss das Tier erneut geimpft werden und 120 Tage nach der Impfung ist eine neue Blutprobe erforderlich. |
|
Autor: Dr. med. vet. Stefan Jahnecke
Karlsruhe im September 2003 |
|
|