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DVM Dagmar Kriegler
VDSV Verbandstierarzt

Erste-Hilfe-Maßnahmen bei Schlittenhunden

Teil 1 - Teil 2 - Teil 3
Inhaltsangabe
Definition Notfall
Die häufigsten Notfälle im Schlittenhundesport und erste Möglichkeiten der Behandlung
  1. Verletzungen und deren Behandlung
  2. Frakturen
  3. Verenkungen
  4. Augenverletzungen
  5. Ohrverletzungen
Internistische Notfälle
  1. Magendrehung
  2. Akute Gastritis
  3. Akuter Durchfall
  Schock
  Hitzschlag oder Hitzeschock
  Bewustlosigkeit
  Unterzuckerung
  Vergiftungen
Verletzungen bei Schlittenhunden im Pfoten-, Gelenks- und Muskelbereich und Möglichkeiten der Versorgung
  1. Verletzungen im Bereich der Pfoten
  2. Gelenke
  3. Traumen von Sehnen und Muskeln
  Pfotenpflege bei Schlittenhunden
  Physiotherapeutische Maßnahmen
Die Vervielfältigung oder andersweitige Verwendung ist nur mit Genehmigung des Verfassers gestattet.
DVM Dagmar Kriegler • Schlamauer Str.7 • 14827 Wiesenburg
Tel. 033849-50461
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Notfälle ereignen sich relativ selten und unverhofft. Deswegen erscheint es logisch, dass man in derartigen Fällen weder auf Routine noch auf Erfahrung im Umgang mit einer solchen Situation zurückgreifen kann.
Vorbereiten auf den Notfall kann sich der Musher nur, wenn er sich theoretisches Grundwissen aneignet und mögliche Notfallsituationen „trainiert“.
Bei Notfällen muss man zwischen Erste-Hilfe-Maßnahmen und der eigentlichen Notfallbehandlung unterscheiden.
Erste-Hilfe-Maßnahmen helfen dem Hund sofort und versuchen schlimmere Folgen zu verhindern. Diese Maßnahmen werden von demjenigen ergriffen, der am Ort des Notfalles ist, also in der Regel vom Hundebesitzer oder einem anderen Musher.
Jeder Musher sollte wissen, was in einem solchen Notfall zu tun ist, ohne dass wertvolle Zeit nutzlos verstreicht.
Die eigentliche Notfallbehandlung ist der Ersten-Hilfe nachgelagert und wird vom Tierarzt vorgenommen.
Entscheidend für den Erfolg der einsetzenden Nothilfe ist ein möglichst rechtzeitiges Erkennen und richtiges Handeln in der Situation, das dem Musher abverlangt wird.
Grundlegend lassen sich Notfälle in vier verschiedene Stufen einteilen. Diese Einteilung wird allen später behandelten Einzelfällen vorangestellt und/oder bezieht sich darauf:
  1. Der absolute Notfall erfordert eine Behandlung innerhalb weniger Sekunden bis Minuten. Derartige Notsituationen entstehen durch Verlegung der Luftwege, starke Blutungen, Atem- und Herzstillstand.
  2. Der dringende Notfall erfordert Reaktion innerhalb weniger Minuten bis maximal eine Stunde.
Schwerer Schock, zahlreiche tiefere Verletzungen mit Volumenmangel (Hypovolämie), den Brustkorb oder die Bauchhöhle beschädigende tiefe Verletzungen, Verletzungen des Kopfes mit sich verstärkender Bewusstseinstrübung, starke Atemnot, Wirbelsäulenverletzungen mit beginnenden Lähmungserscheinungen, stumpfes Trauma und deutlichem Schock, Vergiftungen.
  3. Schwere Notfälle erfordern eine Behandlung in den ersten Stunden.
Zu den schweren Notfällen zählen
zahlreiche, tiefere Verletzungen, Brustkorb und Bauchhöhlenverletzungen mit einem milden Schock, Veränderungen des Rückenmarks mit Lähmungen, schwere Verletzungen des Bewegungsapparates, offene Frakturen größerer Knochen, offene Gelenksverletzungen unter Beteiligung wichtiger Nerven, Bänder oder Gefäße und akute Infektionen.
  4. Weniger dringende Notfälle erfordern eine Behandlung innerhalb der ersten 24 St unden.
Dazu zählen Frakturen der langen Röhrenknochen und des Beckens ohne Schock, Verstauchungen und Bänderdrehungen sowie tiefere Wunden.
Für den Musher kann sich die Situation ergeben, dass er irgendwo allein mit den Hunden unterwegs ist. Deswegen sollte er sich mit dem Erste-Hilfe-Maßnahmen besonders gut vertraut machen.
Folgende Erste-Hilfe Reaktionen kann auch ein medizinisch ungeübter Schlittenhundebesitzer selbst durchführen:
- Hervorziehen der Zunge, Kontrolle der Maulhöhle bei Verdacht auch Fremdkörper (s. Abb.);
- Abdecken der Wunde oder vorgefallenen Organe mit sauberen, feuchten Tüchern;
- Verhindern von Selbstzerstümmelung und weiteren Verletzungen (Benagen von verletzten Extremitäten, usw.)
- Blutungskontrolle durch Abdrücken mit den Fingern oder Druckverband;
- Verbringen an einen kühleren schattigen Ort bei Überhitzung, gegebenenfalls Einreiben der Extremitäten mit Schnee oder feuchten Tüchern;
- Vorsichtiges Erwärmen bei Unterkühlung durch Verwenden eigener Bekleidung, warme Flüssigkeit eingeben unter Beachtung der Ansprechbarkeit des Hundes.
Die häufigsten Notfälle im Schlittenhundesport und erste Möglichkeiten der Behandlung
1. Verletzungen
  Häufige Verletzungen sind Schnittwunden durch scharfe Schneekanten, Glasscherben, Bisswunden nach Beißereien, Schürfwunden nach Unfällen mit dem Wagen oder Schlitten oder dem Auto.
  Einstufung: erfolgt nach der zur Einführung genannten Gliederung und beinhaltet die Sichtung der Tiefe der Verletzung, Art der verursachten Blutung, ob ein Schockzustand eingetreten ist oder nicht.
  Der zeitliche Handlungsbedarf ist festgelegt und ergibt sich aus der Schwere der Verletzung.
(Zwischen absolutem und weniger dringendem Notfall.)
  Liegt eine Blutung vor, muss diese vom Musher gestillt werden. Nicht jede Blutung ist lebensbedrohlich, und die Blutstillung normalerweise nur dann notwendig, wenn eine Arterie verletzt wurde, und das Blut stoßartig mit jedem Pulsschlag hervorquillt. Um eine derartige Blutung zu stoppen, muss Druck auf das Gefäß ausgeübt werden. Hat der Musher nichts weiter zur Verfügung, kann er dies in allergrößtem Notfall erst einmal mit der Hand ausführen.
  Im Anschluss wird ein Druckverband angelegt oder das Gefäß oberhalb der Blutung abgebunden (Taschentuch, Schnürsenkel, Neckline, Hundeleine o. ä.)
Sind keine größeren Arterien verletzt, kommt die Blutung innerhalb ein paar Minuten zum Stehen und bedeutet keine Lebensgefahr.
Ist die Verletzung verunreinigt, sollte sie gespült werden. Dazu lässt sich notfalls auch lauwarmes Wasser verwenden. Hat man keine Möglichkeit der Reinigung, sollte der Musher darauf achten, dass keine weiteren Verschmutzung oder Verunreinigung auftreten kann.
Gerade durch Bissverletzungen werden Haare tief in die Wunde hineingebracht. Zusammen mit dem ausgetretenen Blut trocknen sie oft wie eine Kruste auf und begünstigen so eine bakterielle Infektion.
   
Deswegen sollte man versuchen, die Haare zu scheiteln oder mit der Schere aus der Umgebung der Verletzung zu entfernen.
Offene Wunden sollten mit Verbänden abgedeckt werden.
Der Musher kann so die Wunde vor weiterer Verschmutzung schützen. Je nach Art der Verletzung kann der Verband eine blutstillende Wirkung haben. Außerdem stützt er die verletzte Gliedmaße und schränkt die Bewegung ein. Wird der Verband falsch angelegt, kann die Durchblutung behindert werden. Dies führt zu einer verzögerten Wundheilung und zum Auslösen von Schmerzen.
Ein normaler Wundverband besteht aus drei Schichten:
  1. Schicht:
Sie liegt direkt auf der Wundoberfläche. Sie sollte mit dieser nicht verkleben, nicht fusseln und für Wundflüssigkeit durchlässig sein.
Geeignet ist sterile Wundgaze oder Rondopad oder ein sauberes Stofftuch.
  2. Schicht:
Diese Schicht polstert den Verband und macht ihn bequem. Sie sollte aus saugfähigem Material bestehen, so dass Blut oder Wundsekret aufgesogen und die Verletzung selber trocken gehalten werden kann. Außerdem sorgt die Polsterung für eine schonende Ruhigstellung der Gliedmaße oder des Rumpfes.
Bei Verletzungen im unteren Pfotenbereich erscheint es sinnvoll, die betreffende Pfote mit einzubinden, wobei der Zwischenzehenbereich und Knochenvorsprünge gut mit Watte abgepolstert werden, um Druckstellen zu vermeiden. Anschließend wird die Polster- oder Verbandwatte in zirkulären Touren um die betreffende Gliedmaße gelegt und von unten nach oben gewickelt.
  3. Schicht:
Die äußere Schicht wird am besten mit selbsthaftenden elastischen Binden und Textilklebeband, Tesakrepp oder Isolierband angelegt. Diese Schicht stabilisiert den Verband, er hält besser und die Wunde wird vor Nässe und Schmutz geschützt. Außerdem kann ein Bootie übergezogen werden.
2. Frakturen
Zu Knochenbrüchen kommt es häufig im Zusammenhang mit Unfällen oder Stürzen, bei Beißereien, ein führerloses Team verfängt sich in Bäumen und es kommt zum Sturz. Knochenbrüche sind nicht einfach zu erkennen, wenn es sich um geschlossene Brüche ohne Verletzung der äußeren Haut handelt.
Der Hund kann die Gliedmaße extrem schonen oder aber auch noch vorsichtig belasten. Die sich zeigende Symptomatik ist abhängig von der Lage und der Art der Fraktur. Der Hund kann eine starke Blutung in den umgebenden muskulären Bereich haben, und sich ebenfalls auch im Schockzustand befinden.
Auch in diesem Falle muss der Musher nach der genannten Einstufung handeln, um eine schnelle Hilfe zu garantieren. Ihm verbleibt die Aufgabe, dem Hund einen Verband anzulegen und seinen Hund dem Tierarzt vorstellen.
Die Aufgabe des Verbandes bei Knochenbrüchen ist
  a) die Wundabdeckung
  b) Schutz vor Verschmutzung bei offenen Frakturen
  c) Stabilisierung der Gliedmaße, der Bruchstücke
  d) Ruhigstellung des betroffenen Bereiches
  e) Schmerzlinderung durch Ruhigstellung.
Für derartige Verbände wird besonders viel Polsterwatte verwendet. Diese wird durch feste Lagen und elastische Binden stabilisiert.
Besonders zu beachten sind „offene Frakturen“. Hier liegt der Knochen frei und ist einer großen Infektionsgefahr ausgesetzt. Eine offene Fraktur ist immer ein dringender Notfall und sollte sofort dem Tierarzt vorgestellt werden, wohingegen gedeckte Frakturen ohne Schocksymptome nicht so dringlich sind und als weniger dringender Notfall unter Umständen auch noch am nächsten Tag tierärztlich versorgt werden kann.
3. Verrenkungen
Verrenkungen oder Luxationen können beim Schlittenhund nach Unfällen oder Stürzen, durch Treten in Schneelöcher, Ausrutschen auf eisigem Trail, aber auch durch eine ungeeignete Anspannung, u. ä. auftreten.
Dabei kann die Gelenkkapsel einreißen, und die Knochen im Gelenkbereich können ihre Position zueinander verändern. Besonders betroffene Gelenke sind das Hüftgelenk, das Karpalgelenk und das Ellenbogen- und Schultergelenk.
Verrenkungen sind sehr schmerzhaft und bedürfen einer Reposition durch den Tierarzt und zählen zu den schweren Notfällen, wenn sie mit einem Schock vergesellschaftet sind.
Verletzungen bei Schlittenhunden im Pfoten-, Gelenk- und Muskelbereich und Erste-Hilfe-Maßnahmen werden im Folgenden gesondert abgehandelt.
4. Augenverletzungen
Auftretende Augenverletzungen sind Hornhautverletzungen durch Fremdkörper wie Pflanzenteile oder durch Beißereien,
Fremdkörper oder Verätzungen sind dringende Notfälle, die unverzüglich tierärztlich behandelt werden müssen.
5. Ohrverletzungen
Ohrverletzungen sind oft die Folge von Bissverletzungen. Diese Verletzungen sind sehr schmerzhaft und bluten meistens sehr stark, sind aber selten gefährlich.
Ohrwunden werden vom Grundsatz her wie andere Wunden versorgt. Zur Blutstillung wird ein Verband angelegt, indem mittels einer elastischen Binde beide Ohren flach und fest an den Kopf gewickelt werden, so kann der Hund nicht mehr mit den Ohren schütteln und die Blutung kommt zum Stehen.

Das ABC-Schema der Wiederbelebung

  A = Atemwege (1. Schritt: überprüfen, ob die Atemwege frei sind)
Kann man keine Atemzüge mehr feststellen, verbringt man den Hund in die rechte Seitenlage, öffnet seinen Fang und zieht die Zunge nach vorn. Mittels der Finger und der Augen wird kontrolliert, ob die Maulhöhle, bzw. der Rachenraum frei sind. Vorhandene Fremdkörper, bzw. Erbrochenes müssen unverzüglich entfernt werden.
  B = Beatmung (2.Schritt: beatmen)
Den größten Erfolg erzielt man mit der Mund-zu-Nase-Beatmung. Dabei wird der Kopf des Hundes gestreckt, der Fang geöffnet und die Zunge gerade nach vorn gezogen. Anschließend wird der Fang so dicht wie möglich geschlossen und durch die Nase beatmet. Dabei muss man möglichst die ganze Nase des Hundes umfassen. 1-2-3- alle 3 Sekunden wird Luft in die Nase des Hundes geblasen (aus hygienischen Gründen kann man ein Tuch dazwischenlegen).Es ist darauf zu achten, dass sich der Brustkorb des Hundes nur heben und nicht aufwölben soll. In dem Moment, in dem der Hund eigenständig zu atmen beginnt, ist die Beatmung sofort zu beenden.
  C Circulation (Herz-Kreislauf )
Kann ich bei meinem verunglückten Hund keinen Herzschlag mehr feststellen, muss unverzüglich mit der Herzmassage begonnen werden.
Der Hund wird mit gestrecktem Kopf in die rechte Seitenlage verbracht und seine Zunge weit hervorgezogen. Man selber kniet hinter dem Rücken des Hundes und legt seinen linken Handballen hinter den linken Ellenbogen auf den Brustkorb des Hundes.
Anschließend umfasst die rechte Hand die Linke. Mit durchgedrückten Armen wird in kurzen Stößen im Wechsel auf den Brustkorb gedrückt (ca. 4 cm Hub)und beatmet.
Bei einem kleinen Hund umfasst man in Rückenlage auf Höhe der 5. Rippe mit Daumen und Zeigefinger und drückt eigenständig (ca. 1-2 cm Hub).
Der ablaufende Rhythmus sind 10 Herzmassagen wechseln sich mit 2 Beatmungen ab. Wichtig ist, dass weder eine Herzmassage bei schlagendem Herzen, noch eine Beatmung bei Spontanatmung durchgeführt werden darf (kontrollieren des Pulses zwischen den Massagen, wenn Herzschlag eingesetzt hat, Überprüfung der Atmung).
Wenn nach 10 Minuten Wiederbelebung der Herzschlag noch nicht wieder eingesetzt hat, ist der Hund nach den Erfahrungen nicht mehr zu retten.
Erste Hilfe Teil 1 - Teil 2 - Teil 3
 

 

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